Meine Charriere beim Webradio

Wie ich schon in diesem Post andeutete, habe ich einige Zeit bei verschiedenen Webradios moderiert. Diese Zeit dauerte ungefähr zwei Jahre. Heute möchte ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern und euch hinter die Kulissen blicken lassen. Wem also interessiert, wie ich zum moderieren gekommen bin, was ich erlebt habe und warum ich heute nicht mehr meinen Abend am Mikrofon verbringe, der ist herzlich eingeladen diesen Artikel zu lesen.

Bevor es losgeht

Dieser Text spiegelt meine persönlichen Erfahrungen wieder. Es kann sein, dass es bei anderen Webradios anders läuft. Gerne könnt Ihr Eure Erfahrungen als Kommentar hinterlassen.

Wie alles begann

Irgendwann im Jahr 2007 saß ich am Rechner und hatte Lust, Musik zu hören. Allerdings war ich zu faul das Radio einzuschalten. Da ich gute Laune hatte und mir das Wort „Discofox“ durch den Kopf schwirrte, öffnete ich einen Browser und gab auf gut Glück www.discofoxradio.de ein. Sofort wurde die Seite geladen. Nach einer kurzen Orientierung fand ich eine Teamliste, einen Hinweis auf einen Chat, einen Sendeplan. Es gab auch einen Link den ich klicken sollte, um das Radio zu hören. Ich tat es …

Rückblickend muss ich sagen, dass sich an diesem Tag einiges in meinem Leben änderte. Es dauerte nicht lange und ich war vom Konzept eines Webradios begeistert. Da sitzen Leute zu Hause vor dem Rechner und moderieren eine Radio-Show! Und das ohne Sendestudio, komplizierter Sendetechnik und nur im Internet (später auch per Telefon) zu empfangen. Als nächstes war ich fasziniert, was für Musik gespielt wurde. Klar, wie der Name schon sagte, wurde hauptsächlich Discofox gesendet. Die Lieder und Interpreten kannte ich aber nicht, da diese (noch) nicht im „richtigen Radio“ gesendet wurden. Es war die Zeit, als der Popschlager langsam aufkam. Und da ich sowieso von Natur aus nichts gegen Schlager hatte und gerne Discofox tanzte, war dies genau meine Musik.

Ich verfolgte einige Zeit die Sendungen. Das tolle am Webradio war das Interaktive. Es hatte einen Chat, der immer gut gefüllt war. Der Moderator begrüßte die Chatter, ging auf deren Texte ein und erfüllte Musikwünsche. Zudem sagte er immer an, welche Lieder gesendet werden bzw. gesendet wurden. Damit war ich als Hörer immer auf dem aktuellen Stand. So etwas gab es bei keinem andern Radio. Zumal eben nicht nur Mainstream-Titel gesendet wurden.

Nach langem zögern registrierte ich mich irgendwann im Chat. Ich wollte einfach mal wissen, was das für Leute waren, die tagtäglich von den Moderatoren begrüßt werden. Ich überlegte mir einen Nicknamen und meldete mich an. Es war toll, ich betrat das erste Mal einen Chat und wurde dann über den Stream begrüßt. Sofort fielen mir die vielen Smilies auf, die Texte … es war wie in einer anderen Welt.

Ich besuchte den Chat immer öfter. Irgendwann fühlte ich mich beim Radio heimisch. Ich hatte Moderatoren die ich gerne hörte, im Chat traf ich andere Chatter und die Musik zu hören machte Spaß. Die Art und Weiße der Interaktion war einfach anders. Doch irgendwann bekam ich mit, dass es hinter der Spaß-Fassade bröckelte. Es gab Streit, Fronten bildeten sich. Aber ich machte da nicht mit (oder ich versuchte mich da raus zu halten).

Irgendwann wurde der Sender von heute auf Morgen geschlossen. Warum? Es wurde gemunkelt, dass es genau wegen diesen Reibereien war. Dies erfuhr ich aber erst später. Ich weiß jedenfalls noch heute, wie furchtbar die Sache für alle Chatter war. Monatelang war ständig Musik zu hören. An jenem Abend sendeten nacheinander alle Moderatoren. Die Stimmung war bedrückend. Als letztes wurde Queens „Final Countdown“ gespielt. Und dann war der Stream tot. Stille. Nicht mal das Rauschen von Statik war zu hören. Im Chat wurden heulende Smilies geschrieben. Alles war plötzlich so leer.

Neue Sender (von vielen) entstanden

Es dauerte nicht lange, da entstanden nach und nach neue Discofox-Radios. Ehemalige Moderatoren gründeten neue Sender und nahmen ihre Fans als Hörer mit. Da ich inzwischen viele Hörer und Moderatoren als Kontakt im Messanger hatte, erfuhr ich von einem Moderator, bei welchem neuen Webradio er sendete. Ich meldete mich dort im Chat an. Es dauerte auch nicht lange, da war der Chat wieder voller Hörer, auch vom alten Radio. Wir hatten wieder klasse Musik, konnten uns den Abend vertreiben und über Leute lästern. Als der Radioinhaber erfuhr, dass ich mich mit Webseiten auskante, durfte ich seine Homepage und den Chat pflegen. Mit JavaScript baute ich einige Funktionen ein, die das Leben leichter machten. Ganz stolz bin ich noch heute auf die Titelanzeige.

Eines Tages im Jahr 2008 war es schließlich soweit. Der Radioinhaber und der Moderator, welcher mich zu diesem Radio dirigiert hatte, überredeten mich, auch mal zu senden. Dazu musste ich zunächst eine Sendesoftware installieren. Schnell war ein Headset gekauft und schon war ich auf dem Teststream. Das war nicht der offizielle Stream, über den alle Hörer mithören konnten, sondern nur eingeweihte Leute, die die Adresse kannten. Dieser Stream fasste nur 5 Hörer und diente zum testen der Technik oder zum Üben. Nachdem ich einige Minuten mit Bravour überstanden hatte, sollte ich auf Sendung gehen.

Die erste Sendung

Es war der 18. Juni 2008. Alle waren gespannt. Die Hörer im Chat, die Moderatoren und natürlich ich. Ich hatte mich vorbereitet, indem ich meine komplette CD-Sammlung in MP3 umgewandelt und mir 2 Stunden meiner Lieblingsmusik in den Player geladen hatte. Die Chatter wussten nur, dass ein neuer Moderator anfangen würde, aber keiner wusste, wer.

Vor mir sendete der Radioinhaber.Kurz vor Ende seiner Sendung rief er mich an, um die Übergabe zu organisieren.  Doch bevor ich den Stream bekam, sendete er noch meinen Teststream, den er ohne meines Wissens aufgenommen hatte. Ich konnte nicht mehr vor lachen. Und als ich dann endlich auf Sendung war, waren meine ersten Worte: „Ich hasse dich”. Alle Hörer konnten das hören, und die Chatter kringelten sich vor Lachen. Ich glaube, ich bin der erste Moderator, der seinen Sendeleiter schon bei seiner ersten Sendung nach wenigen Sekunden vor allen Hörern beschimpfte.

Die Sendung bekam ich schnell hinter mich. Im Prinzip verkrampfte ich mich an meiner Playliste, sagte die Lieder an, begrüßte die Hörer im Chat und war froh, als ich nach zwei Stunden wieder runter konnte. Spannung pur, und Lob von allen Seiten.

Es ist nicht alles Gold was glänzt

Es gab nicht nur Spaß. Es gab auch Zank, Streit und  Reibereien. Moderatoren kamen und gingen. Die, die gingen, starteten eigene Sender. Auch unter den Chattern gab es Grabenkämpfe. Der Eine mochte den einen Moderator, der Andere den Anderen. Trotzdem war es nie so schlimm, dass ich sagte: Jetzt hör ich auf. Aber schon hier machte ich erste Erfahrungen, was Internetbekanntschaften anging. Auch wenn sich manche Chatter jeden Tag im Chat sehen, gibt es doch eine gewisse Anonymität, die Hemmnisse fallen lassen. „Hinter dem Rücken“ wird gehetzt, und nach vorn die besten Freunde gespielt. Was konnte auch passieren? Die Chatter waren immerhin in ganz Deutschland verteilt.

Irgendwann wurde auch dieses Radio geschlossen. Um genau zu sein, war es im August 2008. Es tat mir weh, da ich diesmal ja auch zum Erfolg beigetragen hatte. Immerhin hatten wir regelmäßig Abends 75 Hörer. Freitag Abend hatte ich regelmäßig meine Sendung. Selbst um Mitternacht waren meist noch über 20 Hörer auf dem Stream. Sechs Stunden senden (20 bis 2 Uhr) waren keine Ausnahme. und wenn ein Moderator fehlte sendete ich halt die anderen Tage auch einige Stunden.

Mein Lieblingsmodertor zu DFR-Zeiten hatte inzwischen sein eigenes Webradio eröffnet. Ich gönnte mir zunächst einige Wochen Pause, ehe ich im Oktober bei ihm anfing zu senden. Allerdings gab es auch hier Reibereien. Im März 2009 wurde das Radio geschlossen, und ich wechselte wieder zu einem anderen Radio, welches Mitte März eröffnete.

Wieder ein neues Webradio

Bei meinem dritten Radio war ich der erste Moderator auf dem Stream. Der Radioleiter war von meinem Moderationstalent begeistert. Vor allem durch meinen Dialekt war ich etwas anders als die anderen Moderatoren. Schließlich wurde ich im April zum stellvertretenden Sendeleiter ernannt. Ich war für den Sendeplan, die Homepage und den Chat zuständig. Damals war Moderatoren abzuwerben so üblich wie in fremden Radio-Chats Smilies zu klauen. Demzufolge wurden schnell neue Moderatoren angeworben. Alle Moderatoren hatten bereits Sendeerfahrung und brachten ihre Hörer mit. Schnell stiegen wir regelmäßig auf etwa 100 Hörer. Auch um mich bildete sich langsam eine Fangemeinde. Einige Chatter waren immer da, wenn ich sendete und entschuldigten sich, wenn sie es nicht geschafft hatten mir zuzuhören. Ich leitete neue Moderatoren an, kümmerte mich um Chat und Homepage. Ich lernte viel über unsere Sendesoftware und beschäftigte mich mit der Konfiguration von Streamingservern. Wir machten viel Quatsch, zum Beispiel wurden Chathochzeiten gefeiert. Doch auch hier stellte sich bald das übliche Gerangel ein. Es gab zwischenmenschliche Problem, wieder Streit. Dabei ging es um Probleme in der Familie, der Arbeit, den Nachbarn. Alles wurde im Chat oder im Messanger, mitunter sogar per Telefon untereinander abgeladen. Auch ich wurde von solchen Situationen nicht verschont. Einmal musste ich zuhören, ein anderen Mal musste ich meine Wut rauslassen.

Irgendwann hatte der Sendeleiter die Idee, anstatt im Chat in einer virtuellen Welt zu senden. Nach und nach gingen mir die Änderungen zu weit. Ich hatte keine Lust mehr. Trotzdem riss ich mich immer wieder zusammen. Immerhin hatte ich dieses Radio mit aufgebaut. Doch die Streitereien wurden immer schlimmer. Nachdem der Sender auf und zu, auf und zu machte, hatte ich keine Lust mehr. Irgendwann wurde ich für alles schlimme Verantwortlich gemacht. Das wars. Dieses Radio sah mich nicht mehr wieder.

Schluss – aus – vorbei

Ich sendete noch einige Male beim Sender meines Lieblingsmoderators zu DFR-Zeiten. Doch der Elan war weg. Ich hörte auf mit senden. Meine Radiosoftware spielte zukünftig nur noch offline für mich. Die Kontakte zu anderen Modertoren und Chattern wurden immer weniger. Meine CD-Sammlung wuchs nicht mehr so schnell an, bis ich bald kaum noch eine CD kaufte. Mir fehlte zwar anfangs das Senden, die Hörer, der Spaß, aber die Konflikte, die es gegeben hatte, waren so groß gewesen, dass ich keine Lust mehr hatte irgendwo anders zu senden. Ich verfolgte wie einige Webradios nach und nach schlossen. Woran das lag? Zeit, Geld, soziale Probleme – das Übliche. Ich hatte jedenfalls mein Leben wieder. Kein Radio bestimmte meinen Tagesrhythmus, kein Streit, keine Fronten. Ab und zu überlege ich zwar noch, was aus manch Moderator oder Hörer geworden ist, und das war es auch schon.

Die Gegenwart

Mit dem Thema Webradio beschäftige ich mich auch heute noch. Gelegentlich schmeiße ich meine Radiosoftware an, schaue in den Senderlisten welche Radios es noch gibt und staune, wie wenige übrig geblieben sind. Das Radio, bei dem ich als zweites gesendet habe, gibt es allerdings noch. Aber wenn ich mir überlege, welche Interessen ich heute habe, verspüre ich doch sehr selten Lust, wieder am Abend in meinem Stubenradio zu sitzen und zu sagen „Einen wunderschönen Guten Abend aus dem Sendestudio Dresden”.

Über den Autor

Falk Döring
Falk ist der Gründer von stubenradio.de. Einige Jahre war er Moderator und stellvertretender Sendeleiter in verschiedenen Webradios und kennt das typische Auf und Ab. Eines Tages hatte er die Nase voll und hörte auf zu moderieren. In diesem Blog veröffentlicht er seine Erfahrungen, gibt einen Blick hinter die Kulissen und gibt Tipps und Tricks rund um das Thema Webradio.

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