Webradio – Suchtgefahr?

Besteht bei einem Webradio Suchtgefahr? Meiner Erfahrung nach: Ja. Du kannst schneller ein „Süchtel“ werden, als es Dir lieb ist. Und was ist ein „Süchtel“? Dieses Wort leiteten wir im Webradio von Sucht ab und bezeichnen damit eine Person, die ständig zuhören oder chatten muss. Eine Zeit lang fand ich das Wort „Süchtel“ niedlich. Chatter, Hörer und Moderatoren wurden liebevoll so bezeichnet. Das Sucht wirklich ein Problem werden kann, stellte ich erst nach einigen Monaten fest.

Im heutigen Artikel möchte ich Dir erklären, wo die Gefahren liegen und was Du dagegen machen solltest.

Disclaimer

Bevor Du diesen Artikel liest: Ich bin kein Psychologe. In diesem Artikel möchte ich meine Erfahrungen niederschreiben und Euch vor möglichen Gefahren warnen. Dies ist keine psychologische Beratung und ich werde/kann auch keine leisten.

Was ist denn gefährlich?

Fangen wir zunächst mit der Definition von Sucht an. In der Wikipedia findet sich dazu folgender Absatz:

Abhängigkeit (umgangssprachlich Sucht) bezeichnet in der Medizin das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.

Ich glaube, damit ist alles gesagt. Du hast ein dringendes Verlangen nach etwas und es behindert deine natürliche Entfaltung. Im Bereich des Webradios kann dies relativ schnell passieren. Unwahrscheinlich ist es, wenn du „nur“ zuhörst. Aber sobald Du Dich intensiver mit dem Thema beschäftigst, kann eine Sucht entstehen. Und warum gehe ich so speziell auf Webradios ein?

Das „Problem“ ist die Interaktion. Bei einem normalen Radio hast Du als Hörer selten die Möglichkeit, aktiv auf das Programm Einfluss zu nehmen. Du kannst vielleicht eine E-Mail an den Moderator schreiben oder dort zu einem Gewinnspiel anrufen, aber das war es dann in der Regel auch schon. Webradio ist anders. Hier ist es möglich, mit dem Moderator oder anderen Hörern über Messanger oder Chat, vielleicht sogar per Telefon zu kommunizieren. Es herrscht eine ganz andere Interaktion.

In einem Chat bist du anonym. Vielleicht kennt jemand Deinen richtigen Namen oder wo du wohnst, aber trotzdem hast Du die Möglichkeit, Dein richtiges Gesicht zu verbergen. Keiner kennt Dich wirklich, keiner kann kontrollieren, ob Du wirklich so bist, wie Du Dich im Chat verhältst. Das ist natürlich verlockend.

Sucht bei Hörern

Sobald Du den Chat eines Webradios betrittst, findest Du auf alle Fälle gleichgesinnte, da alle Chatter eine Gemeinsamkeit haben: Ihr hört die selbe Musik gerne. Normalerweise werdet Ihr vom Moderator über den Stream begrüßt. Schnell sind die ersten Bedenken überwunden und das Chatten macht Spaß. Es wird immer etwas zu reden geben. Nach und nach können sich für den Hörer bzw. Chatter folgende Symptome der Sucht entwickeln:

  • Ihr müsst unbedingt nach Hause, das Webradio einschalten und in den Chat. Vielleicht verpasst Ihr eine Moderation oder etwas Neues im Chat?
  • Ihr geht in den Chat und wollt mit jemanden Reden. Er ist nicht da? Wo ist er denn? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wo steckt der schon wieder? Im Messanger ist der auch nicht.
  • Ein einfacher Chat reicht nicht, es muss ein 3D-Chat, eine virtuelle Welt sein. Hier kannst Du noch viel mehr Erleben. Ständig möchtest Du dort etwas neues ausprobieren.

Das sind nur drei Punkte, die ich beobachtet habe. Die Folgen sehen dann etwa wie folgt aus:

  • Der Chatter verlangt, das Moderatoren oder andere Hörer ständig online sind. Ist jemand im Chat angemeldet und schreibt nicht sofort zurück, wird Panik geschoben.
  • Es werden Telefonnummern ausgetauscht und wenn jemand nicht über Internet zu erreichen ist, wird angerufen. Egal ob die Zeit gerade günstig ist.
  • Der Chatter/Hörer sitzen nur noch vor dem Computer und gehen nicht an die frische Luft bzw. unternimmt etwas anders.
  • Die Familie muss sich dem Chatter/Hörer anpassen. Freunde gibt es nur über den Chat.
  • Ist jemand mal einige Tage nicht zu erreichen, wird dieser angepöbelt und beschimpft. Wo war er? War er etwa bei einem anderen Radio?

Sucht bei Moderatoren

Auch bei Moderatoren kann es verschiedene Suchtpotentiale geben:

  • Das Verlangen, ständig senden zu müssen. Das Bedürfnis, seine Hörer mit Musik zu versorgen. Und das nicht nur regulär nach Sendeplan. Wenn ein anderer Moderator ausfällt, springt er sofort ein.
  • Das Verlangen, ständig als erster die neueste Musik senden zu müssen.
  • Die selben Probleme wie die Chatter: Andere Personen müssen immer erreichbar sein.
  • Der Moderator nimmt sich immer die letzte Sendung, weil das Ende normalerweise offen ist. Der Moderator kann entscheiden, wann er ins Bett geht.

Wie kann ich das verhindern?

Gute Frage. Im Prinzip kann ich nur das vorschlagen, was jeder sowieso machen sollte: Abwechslungsreich leben. Ja, für Radio brauchst Du Zeit, um Deine Sendung vorzubereiten, etwas zu recherchieren oder auch mal jemanden anzurufen. Doch Du hast auch noch ein eigenes Leben. Kümmere Dich auch darum. Wenn jemand Dir vorwirft, nicht ständig erreichbar zu sein, dann mache Ihm klar, dass Webradio ein Hobby ist. Das Senden soll Dir Spaß machen, Deine Liebsten um Dich herum dürfen nicht vernachlässigt werden. Ein anderes Hobby in der realen Welt ist auf alle Fälle wichtig.

Ich glaube ich bin süchtig – Was tun?

Du hast Dir diese Frage gestellt? Super! Der erste Schritt ist getan. Nun solltest Du schnellstens den Computer ausmachen und an die frische Luft gehen. Mach Dir klar, dass Webradio nicht Dein ganzer Lebensinhalt sein kann. Bei allem brauchst Du eine Abwechslung. Du spielst doch auch nicht 24 Stunden am Tag Fußball?

Das Problem heutzutage ist allerdings, dass wir ziemlich schnell vom Internet abhängig sind. Was nützt es uns, wenn wir die Wohnung verlassen und trotzdem die ganze Zeit per Smartphone im Internet aktiv sind? In diesem Fall einfach mal das Gerät wegstecken und nicht sofort reagieren, wenn sich das Ding meldet. Nachrichten kannst Du auch später noch lesen.

Bei Moderatoren ist die Sache noch kritischer. Hier sollte entweder einfach nur noch eingeschränkt gesendet werden (maximal x Stunden pro Woche) oder sogar radikal einige Monate überhaupt nicht.

Wenn das nichts hilft, solltest Du Dir vielleicht anderweitig Hilfe holen. Doch meiner Erfahrung nach hilf schon Eigenmotivation, um die schweren Symptome zu heilen. Letztendlich ist es ja nicht schlimm, wenn Du mit Leib und Seele senden möchtest. Aber alles in Maßen.

Über den Autor

Falk Döring
Falk ist der Gründer von stubenradio.de. Einige Jahre war er Moderator und stellvertretender Sendeleiter in verschiedenen Webradios und kennt das typische Auf und Ab. Eines Tages hatte er die Nase voll und hörte auf zu moderieren. In diesem Blog veröffentlicht er seine Erfahrungen, gibt einen Blick hinter die Kulissen und gibt Tipps und Tricks rund um das Thema Webradio.

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